Amerika, San Diego, 2002

[Den folgenden Text habe ich während einer Dienstreise 2002 aufgeschrieben. Die Fotos wurden noch mit einer Analog-Kamera gemacht.]

Wie schon in Miami und San Francisco fallen mir die vielen Obdachlosen extrem auf. Wegen der sehr milden Witterung (im Winter kaum unter 10° C) ist Obdachlos-Sein einfacher als bei uns. Die Obdachlosen sind deutlich zu erkennen, weil ungepflegt und oft mit schmutziger Kleidung. Es sind meist Männer, das Alter liegt wohl zwischen 30 und 60, die meisten würde ich auf um die 40 schätzen. „Ungepflegt“ heißt, sie haben teilweise enorme Bärte, die offensichtlich nicht geschnitten werden. Oft erscheinen die Gesichter sehr bewachsen oder ungewaschen, so ganz genau kann man es nicht sagen. Untenherum meist eine eher schmutzige Jeans. Obenherum ein Hemd mit Holzfällermuster, so ein dickeres wolliges evtl. Flanellhemd. Mehr braucht man hier nicht an Kleidung. Bessere Ladenpassagen halten sich mit Wachpersonal frei von diesen Leuten. Die öffentlichen Plätze, vor allem wo weniger Betrieb ist, sind aber nicht ohne Obdachlose zu denken. Es sind immer ein paar, die sich einen Platz auf einer Mauer, auf einer Bank oder auf einer Wiese gesucht haben und dort schlafen oder wie im Traum herumstehen oder wandern und manchmal mit sich selbst reden.

Manche sitzen am Straßenrand mit einem Schild und betteln „Vet needs help“ (Vet=Kriegsveteran) und ähnliches. Im Bilboa Park in San Diego beobachte ich, wie ein Obdachloser die vielen Mülleimer, alle in Form großer mittelalterlicher Tonbehälter, systematisch nach verwertbaren Inhalten durchwühlt. Er hat mehrere Tüten bei sich, in einer sind Plastikflaschen drin. Er macht also eine Art Mülltrennung. Mir kommt der Gedanke in den Sinn, dass dies der amerikanische Weg des Recyclings ist: Entnahme aller Wertstoffe durch Obdachlose, denen nicht anderes bleibt um zu leben. Wozu einen teuren grünen Punkt bezahlen, wenn man genug Penner hat.

Vom Hotel sehe ich auf den Parkplatz. Ein Obdachloser kommt über den Parkplatz. Es ist ein „typischer“ obdachloser Mann mit Schiebewagen auf dem eine Kiste befestigt ist, der Schiebegriff des Wagens ist behangen mit Beuteln und Taschen. Die Kleidung: beige Stoffhose, kariertes dickes Flanellhemd hellbeige/blau. Er untersucht die Zahleinheit der Parkplatzschranke sehr genau, möglicherweise hofft er Geld zu finden. Dann schaut er in die Büsche neben der Schranke, wo dann die Parkplätze beginnen. Was ich erst nicht verstehe, offenbart sich schnell. Er zieht eine braune Tüte aus dem Busch. Scheinbar hat jemand Pommes Frites oder ähnliches gekauft und den Beutel vor dem Wegfahren weggeworfen. Der Penner entnimmt etwas dem Beutel und isst es. Während ein Passant vorbeikommt, isst er das nächste Stück aus dem Beutel. Wer weiß, wie lange der da schon lag. Als er fertig ist geht er mit seinem Wagen über die Straße, dort ist ein weiterer großer Parkplatz.

Überhaupt erkenne ich aus meinem Hotelzimmer im 10. Stock, dass viele Stadtviertel einfach Parkplätze sind Wenn man nichts besseres hat bzw. keinen Mieter für ein Geschäftshaus mehr hat, reist man es einfach ab und macht einen Parkplatz. Manchmal wird auf das Asphaltieren verzichtet, dann sieht man den alten Boden der Häuser, darauf stehen Autos.

Gestern Abend sah ich während des Essens, bei dem ich aus dem Restaurant-Fenster sehen konnte, wie sich auf dem Gehweg gegenüber mehrere Obdachlose für die Nacht einrichteten. Es war ca. 7 Uhr und gerade dunkel geworden. Der letzte Obdachlose, den ich beobachtete, entnahm seinem Wagen mit Habseligkeiten Kartonteile, die er als Unterlage auf den Boden legte. Er hatte auch eine Art Schlafsack. Zum Schlafen war es wohl noch zu früh, so setzte er sich mit einem Kollegen darauf und schaute von draußen über die Straße.

Der Flughafen ist mitten in San Diego gelegen. Vom Hotel aus sehe ich auf das Rollfeld, sehe die Flugzeuge herumfahren bzw. parken. Einfliegende Flugzeuge donnern über die Häuser. Die Stadt selbst macht auf mich einen „vergewaltigten“ Eindruck. Irgendetwas menschenfreundliches oder Umweltgesichtspunkte haben keinerlei Rolle beim Ausbau der Stadt gespielt.

Gott sei Dank habe ich den Bilboa Park gefunden. Der ist wunderbar bewachsen mit Palmen, Kakteen und sonstigen grünen ausgefallenen Pflanzen. Häuser im mexikanischen Stil. Der entschädigt für den Rest der Stadt.

Von meinem Hotelbett aus kann ich auf den umliegenden Häusern insgesamt 4 große amerikanische Flaggen sehen. Gestern sah ich ein Feuerwehrfahrzeug vorüberfahren, riesengroß und schöner als unsere, und, das war das besondere, mit einer großen amerikanischen Flagge obendrauf gesteckt. So ca. 1,20 lang und 80cm hoch. Da fiel mir ein: Wohl das einzige Land der Welt, indem sich Feuerwehrleute als so staatstragend sehen, gewissermaßen ein verlängerter Arm des State Department. An mindestens 1/3 der Privathäuser sind ebenfalls irgendwo amerikanische Flaggen angebracht.