Der Bergfreund – Handbuch für Wanderbegeisterte

Einleitung

Dieses kleine Büchlein soll dem verständigen Wandersfreund, und da insbesondere dem angehenden Wanderbegeisterten, der vielleicht zum erstem Male einen Aufenthalt in den Bergen plant, alles notwendige für erfolgreiche Touren in der faszinierenden Bergwelt mit auf den Weg geben.

Das Büchlein möchte auch insbesondere aus der Praxis heraus berichten. Damit unterscheidet es sich wohltuend von vielen, scheinbar ähnelnden Werken. Diese gehen allzu oft mit wohlmeinender, im Grunde jedoch unnötiger und übertriebener Vorsicht an das Thema heran. Diesen Werken ist es dann zuzuschreiben, dass die schöne Bergwelt nur von wenigen unerschrockenen Zeitgenossen überhaupt besucht wird. So ist es gerade das Anliegen des vorliegenden Bändchens, dem Neuling und Neugierigen zunächst die Scheu zu nehmen und ihn nicht mit unnötigem Wissens- und Pflichtenballast zu versehen.

Dieses Bändchen ist eine erweiterte Ausgabe des Originals des getreuen, weithin jedoch unbekannten unerschrockenen Berggehers Anton Pichlhuber, der leider auf seiner letzten Tour allzu früh tödlich verunglückte. Dieser hat in vorbildlicher Weise gezeigt, dass auch schwerste hochalpine Bergtouren ohne spezielle Ausrüstung, Verpflegung oder gar Ortskenntnis zu meistern sind. Auf den wenigen Touren, die Anton Pichlhuber vor seinem Unglück nach seinen Ideen durchführen konnte, hat er jedoch alles notwendige mit Akribie schriftlich festgehalten.

Dieses profunde Erfahrungswerk Pichlhubers, das ein kurzes, aber umso reicheres Berggeherleben destilliert, kann ganze Generationen von Wandersfreunden begeistern. Letztlich ist es – durch Ignoranz der etablierten Verlage, aber auch durch das Verschwinden besagter Generationen von Anhängern der Ideen Pichlhubers im Berg, die das Wissen hätten weiter verbreiten können, – schließlich doch ganz in Vergessenheit geraten.

Der Verlag hat in verständiger Weise dem Wunsch des Herausgebers entsprochen und das Werk vom Gebrauchsnutzen her sehr nahe der Erstausgabe als gebundenes Heftchen mit Lesebändchen herausgebracht. Damit lässt es sich auf kleineren und größeren Bergtouren leicht in jede Tasche stecken und passt selbst im Hüttenschlafsack noch unters Kopfkissen, auch wenn die Jünger Pichlhubers die rettenden Berghütten -zu oft- nicht erreichten. Sei es drum: Möge das vorliegende Büchlein ganz im Sinne von Anton Pichlhubers zum Brevier des jungen Wanderfreundes werden. Und jetzt: in Medias Res!

Kapitel 1: Vom Sinn der Ausrüstung

Durch gewisse Autoren, deren Erfahrungswelt nicht die Bergwelt eines Anton Pichlhubers ist, ist dieser Punkt des Bergwanderns ganz unnötig in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt. Der junge Berggeher merke hier auf bei den Worten Anton Pichlhubers: „Eine gute Bergtour gewinnt nicht durch die Ausrüstung“.

So hat Anton Pichlhuber, der die Berge, wie er selbst schreibt, bei einer Autopanne auf der Fahrt an die italienische Riviera kennengelernt hat, zum Beispiel den „Hohen Riffler“ in der Silvretta mit einfachen Badeschuhen bestiegen, während die Mitreisenden den defekten Motor untersuchten und sich zu Fuß Richtung Werkstatt aufmachten. Mit Badeschuhen, weil er zu diesem Zeitpunkt auf einen Badeurlaub eingestellt war. Und ist es nicht auch allzu durchsichtig, welche Kreise schweres und massives Schuhwerk propagieren, das den guten Berggeher im flotten Fortkommen nur hemmt?

Es ist dies die mächtige Tourismus-Industrie, die an einem reinen und natürlichen Genuss der Bergwelt ja nichts verdienen kann. Dementsprechend gelangen immer wieder sogenannte Berichte und Machwerke bezahlter Schreiberlinge an die Öffentlichkeit. Diese Werke stellen die Art und den Umfang der Ausrüstung in den Vordergrund. Dem steht stark und aktuell wie nie zuvor Anton Pichlhubers Idee des totalen Minimalismus entgegen.

Ähnliches meißelt Anton Pichlhuber den Schreiberlingen auch über wetterfeste Kleidung ins Stammbuch. Anton Pichlhuber hat seine Touren nur gemacht, wenn auch das Wetter gut war. Wozu dann überflüssige Regenkleidung oder schwere Wollpullover? Das unbeschwerte Alpenglück reist mit leichtem Gepäck.

So kann mit Anton Pichlhuber gesagt werden, das auch für eine schwere Bergtour keine besondere Ausrüstung nötig ist. Was man gerade dabei hat, nehme man einfach mit. So erlangt man eine wunderbare Spontanität, denn auch der Zeitpunkt der Tour kann nach Gutdünken gewählt werden. Aber dazu mehr in späteren Kapiteln.

Heutige Alltagskleidung ist in vieler Hinsicht ideal geeignet, auch für mehrtägige Hochgebirgstouren. Spezielle Bergkleidung ist hingegen nicht nur unnötig teuer in der Anschaffung, sondern enttäuscht durch eine kunstlose Klobigkeit auch das modisch interessierte Auge. Hier steht uns Anton Pichlhuber als leuchtendes Vorbild voran. Hat er doch 1959 direkt im Anschluss an eine Dinnerparty bei Freunden im Smoking und edlen Lackschuhen (angemessen!) die Zugspitze und den naheliegenden Schneeferner-Gipfel in einer Nacht erstiegen. Gegen neun Uhr morgens wollte unser tapferer Recke wieder bei den Gastgebern zum Brunch zurück sein, war aber wegen Gehbeschwerden infolge einer Folge von folgenreichen Trittfehlern auf dem Schneeferner-Gletscher leider länger verhindert.

Müssen noch mehr eindeutige Beweise für die Bedeutung der Ideen Pichlhubers gebracht werden? Sicher nicht.

Die wahre Ernte der Ideen lässt sich aber erst bei der eigentlichen Tour-Durchführung einfahren.

Kapitel 2: Auf der Tour

Mag der Berggeher im Alltagsleben als Arbeiter seinen Mann stehen, als Anwalt für Recht kämpfen oder am Schalter einer Bank arbeiten. Was wirklich in ihm steckt, erleben wir erst, wenn wir ihn im Berg sehen. Wie ist doch der eine oder andere von uns über sich hinausgewachsen, wenn es seinen Einsatz am Berg zu leisten gab? Wir gehen hier unseren gedanklichen Weg mit Pichlhuber, der dies schon vor langer Zeit in seinem Werk fixierte: Willst Du einen Freund, nimm jemanden mit in die Berge.

So fokussiert sich alles im Leben des Berggehers auf die Tour, ihre Schwierigkeiten, ihre Gefahren und ihre Geheimnisse. Und zwischen den Touren ist die Zeit zuhause erfüllt von der geschäftigen Emsigkeit des Berggehers zur Vorbereitung der nächsten Tour. Was ist für die ideale Vorbereitung einer geheimnisvollen, überraschenden und fordernden Tour nun genau zu tun? Die jüngeren unter den Lesern mögen aus den folgenden Zeilen das möglichste mitnehmen, dass sie fassen können, denn das Misslingen einer Tour keimt in einer falschen Planung. Die alten Hasen, von denen -wie ich aus Gesprächen mit Bergfreunden aus aller Landen weiß- viele diese Zeilen lesen, mögen die Stirn runzeln ob des einen oder anderen Ratschlags und aus der einen oder anderen Situation in ihrer Berggeherpraxis einen anderen Rat geben wollen. Ihnen sei’s gesagt: was für sie gut ist, muss für andere nicht schlecht sein. Anton Pichlhuber hat die hier zusammengestellten Ratschläge aber an eigenem Leibe öfter ausprobiert, und sie waren im Grunde genommen für ihn nicht schlecht. So lasst uns denn das Fachsimplen zurückstellen bis die jüngeren Berggeher auf Tour sind, wir würden sie höchstens verwirren!

Was ist nun für den Wanderfreund, den es in die Berge, zunächst noch mit wenig konkretem Ziele, zieht, zu tun?

Das Ziel

Am Beginn einer jeden Tour steht die Festlegung des Ziels. Hier sollte der Berggeher ganz nach dem Herzen gehen. Übervorsichtige, Salon-Berggeher, Ausrüstungsfetischisten,  und alte Jammerlappen darf der junge Berggeher nicht befragen. Es sei den, er will wie diese in armseligen Touren, Dutzendwaren, schablonenhaften und inhaltsleeren Stecken scheitern und als ebensolcher Jammerlappen enden. Dann kaufe er Machwerke wie Baedeker, reiche dieses ihm vorliegende Brevier Pichlhubers an jemanden weiter, der damit seine Geher-Persönlichkeit festigen will und kann, und vergehe selbst in muffiger, übertriebener und freudferner Ausrüstung und öden Allerweltswegen. Oh du dürrer Prokurist, Krämer Deiner Seele, unser Mitleid ist bei Dir!

Doch wenden wir uns nun dem freudvollen, spontanen und mutigem, wenn nicht verwegenen Zielsucher zu, dem Characterus an den sich Pichlhuber immer gewandt hat – und der er selber war wie kein anderer. Für Jammerlappen war da bei Ihm keine Zeit.

Was ist das Ziel? Was kann das Ziel sein? Doch nur der Weg, den keiner kennt, den niemand bisher erkundet hat. Das Schwerste weit und breit. Sagt der Soldat „Viel Feind, viel Ehr'“,  so sagt uns Pichlhuber: „Was ist das schwerste um Dich herum? Da direkt musst Du draufgehen!  Geh es an ohne Umweg, frontal, ohne Schutz, ohne Hilfe. Alles andere ist Versagen!“

Keine Ausrede duldet da der Genius der Psychologie, der Philosophie, des Savoir Vivre der Natur. An keiner Hochschule war er, an keiner Oberschule. Pichlhuber saß in der Dorfschule, die er schon nach der vierten Klasse verlies, um den Hof der Eltern zu führen.  Aber in den vier Jahren, hat er das, was ihm schon vorher geschenkt war, das geniusische, aus einem rohen glänzenden Stein zu dem gemacht was es war: einen reinen Diamanten, einen Diamanten des Denkens, einen Diamanten des Geistes.